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Koloniales Erbe überwinden, zukunftsfähig bleiben

Serge Palasie

Eine nach wie vor vorhandene globale und innergesellschaftliche Perspektivenungleichheit ist ohne einen Blick auf die Geschichte nicht erklärbar. Eine Umverteilungsgeschichte ab Kolumbus und Co. schuf schon lange vor Beginn der offiziellen deutschen Kolonialzeit für den entstehenden Westen immer mehr Wohlstand und Perspektiven – nicht selten auf Kosten auszubeutender Dritter. Der Rassismus entstand, um die koloniale Expansion pseudomoralisch zu rechtfertigen. Er entwickelte sich mit der größten Zwangsmigration der Geschichte, dem transatlantischen Versklavungshandel. Die erste deutsche Aktiengesellschaft entstand im Kontext dieses Menschenhandels. Wer unseren heutigen „Entwicklungsstand“ als reines Resultat besonders organisierter und innovativer Vorfahren darstellt und die Bedeutung gewaltsamer Umverteilungsprozesse herunterspielt oder gar unter den Teppich kehrt, leugnet eine historische Verantwortung gegenüber Weltgegenden, die im Zuge der transatlantischen Geschichte überhaupt erst „unterentwickelt“ wurden. Das ist auch für unser Zusammenleben in einem bunter werdenden Deutschland wichtig: Der defizitäre Blick auf die sogenannten „Entwicklungsländer“ fällt regelmäßig auch auf nicht weiße Bürger*innen zurück. Wenn diese Zusammenhänge ausgeblendet werden, kann man Otto-Normalverbraucher*in nicht böse sein, wenn sie/er glaubt, dass „Unterentwicklung“ quasi der selbstverschuldete Urzustand von Afrika und anderen an den Rand gedrängten Weltgegenden sei und sie/er dementsprechend wenig Mitgefühl für Mitbürger*innen aus ebendieses Weltgegenden bzw. deren in Deutschland geborenen Nachfahren empfindet. Der Begriff „Entwicklung“ ist dabei durchaus problematisch, da er negative soziale und ökologische Folgen wirtschaftlichen Handels selten angemessen berücksichtigt. Ähnliches gilt für das ganze Thema Flucht und Migration: Ein wachsender Migrationsdruck im Globalen Süden ist vielfach das Resultat unfairer Handelsstrukturen, die oftmals in der Kolonialzeit gewaltsam etabliert worden sind. Die Industrialisierung, mit der auch der menschengemachte Klimawandel begann, wäre ohne Kolonien sicher anders verlaufen. Würden historische Zusammenhänge angemessen in unserer Gesellschaft behandelt werden, würden despektierliche Begriffe wie „Wirtschaftsflüchtling“ nicht mehr salonfähig sein. Und das Thema Klimaungerechtigkeit würden wir wohl auch mit anderen Augen sehen.

Immer wieder heißt es: „Jetzt lasst doch mal die Vergangenheit Vergangenheit sein, das ist doch alles schon lange vorbei!“ Das ist eine Denkweise, die ignoriert, dass wir tagtäglich mit Spuren der Kolonialgeschichte konfrontiert werden. Es gibt greifbare koloniale Spuren und Spuren in den Köpfen der Menschen in Deutschland. Sichtbar sind etwa Straßennamen und Denkmäler, die Kolonialverbrecher unreflektiert gedenken. Auch Raubkunst und menschliche Überreste im vielen deutschen Museen gehören in diese Aufzählung. Viele Museen bewegen sich hier nur halbherzig. Eine Mahnwache zur Rückgabe von Raubkunst (konkret ging es um die sogenannten Benin-Bronzen), wie sie 2020 vor und mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln stattfand, ist eher die Ausnahme. Im Bereich der Bildung einschließlich des öffentlichen medialen und politischen Diskurses werden rassistisch geprägte Denkmuster leider immer wieder reproduziert. Und das von der Kita an. Man denke nur an so Lieder, wie das Kolumbuslied oder verschiedene Kinderbücher, die trotz klar rassistischer Darstellungen weiter im Umlauf sind und einer wachsenden Zahl nicht weiß gelesener Menschen vor den Kopf stoßen.

Serge Palasie
serge-palasie-©AndreasGrasser

Erschwerend auf die Überwindung des kolonialen Erbes wirkt die Blockade-Haltung vieler Menschen, die entrüstet reagieren, wenn man sie etwa mit dem eigenen teilweise rassistisch geprägten Denken konfrontiert. Solche Menschen sagen, dass sie sich doch nicht belehren lassen wollen. Und genau das ist das Problem: Wenn Nutznießer*innen des kolonialen Erbes meinen, sie besäßen die Deutungshoheit darüber, ab wann von Rassismus die Rede ist und wann nicht, dann wird es schwierig. Erst neulich erlebte ich eine Situation, die hier als Paradebeispiel dienen kann: Die Besitzer eines Betriebs, der das kolonial-belastete M-Wort (Triggerwarnung: „Mohr/en“) trägt, haben wir ohne belehrenden Ton auf die rassistische Dimension des Begriffs aufmerksam machen wollen. Es ging nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Es ging darum, Unbewusstes bewusst zu machen. Die Reaktion: Man ließ uns gar nicht ausreden und fiel uns stattdessen ständig ins Wort – und zwar mehrfach mit folgendem Satz: „Mögen Sie keine Schwarzen?“ Schuld ist hier in erster Linie nicht das Individuum, das Rassismus teils unbewusst reproduziert, sondern eine in der Vergangenheit hängengebliebene deutsche Erinnerungskultur.

In Bezug auf Denkmäler, Straßennamen und andere belastete Orte müsste mindestens eine Kontextualisierung stattfinden. Wenn eine Straße etwa nach einer ehemaligen deutschen Kolonie bzw. dem Nachfolgestaat benannt ist, dann wäre hier eine Infotafel, die auf den kolonial-historischen Kontext aufmerksam macht, das Mindeste. Straßen, die Kolonialverbrecher ehren – auch „Schreibtischtäter“ – müssen aus meiner Sicht umbenannt werden. Das geschieht zwar zum Teil auch schon, aber viel zu langsam und halbherzig. Das ist nur möglich, weil das Thema Kolonialismus gesamtgesellschaftlich gesehen noch immer kaum angemessen behandelt wird. Solange die deutsche Kolonialzeit verklärt oder gar romantisiert wird, darf man sich nicht wundern, dass sich etwa auch Anwohner*innen in belasteten Straßen oftmals gegen Umbenennungen aussprechen. Nach der grausamen Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten in den USA im Mai 2020 intensivierten sich weltweit Bemühungen von Aktivist*innen, belastete Straßennamen, Denkmäler usw. umzubenennen, in ihren kolonial-historischen Kontext zu stellen oder zu entfernen. Damit öffnete sich auch hierzulande ein Fenster. Bleibt zu hoffen, dass dieses Fenster offenbleibt und sich noch weiter öffnet. Denn in ganz Deutschland besteht noch Handlungsbedarf.

Wir könnten das koloniale Erbe – zumindest in innergesellschaftlicher Hinsicht – überwinden, wenn tatsächlich ein ehrlicher Wille dazu breit vorhanden wäre. Um dafür Mehrheiten gewinnen zu können, braucht Deutschland eine neue Anerkennungs- und Erinnerungspolitik von der Kita an, die sich endlich von der Idee einer fixen ethnokulturellen Definition von Deutschsein verabschiedet. Das sollte Deutschland nicht nur allein aus moralischen Gründen tun, sondern im ureigenen Interesse. Wer die sich im Wandel begriffene demografische Realität leugnet, um historisch gewachsene Privilegien bestimmter Gruppen zu wahren, spielt mit der Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Und: Die Überwindung des kolonialen Erbes hier ist die Voraussetzung dafür, um das koloniale Erbe auf globaler Ebene zu überwinden. Letzteres ist nötig, um globalen Herausforderungen begegnen zu können, die vor Ländergrenzen nicht haltmachen.