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Ein Brief an Raya


Gergana Ghanbarian-Baleva
©SA

Mein liebes Kind, meine wundervolle Tochter, es ist schon reichlich spät, aber ich will Dir heute von dem Land erzählen, aus dem dein Vater stammt und von all den Dingen, die ich Dir dort zeigen will.
Ich will Dir die blühenden Gärten in Schiras unweit vom Persischen Golf zeigen, in denen Bienen Nektar von Blumen sammeln, in denen der Jasmin im Frühling betörend duftet.
Verzeih mir, denn dort liegen jetzt nur schwarze Tücher, die Tücher, mit denen sich die Frauen seit Jahrzehnten gegen ihren Willen den Kopf bedecken müssen.
Ich will Dir die Insel Kish, die Strände und das Kaspische Meer zeigen, wo die Sonne morgens schlaftrunkend aus dem Salz des Meeres schlüpft. Ich will Dir zeigen, wie Delfine sprechen und wie Menschen sich verlieben, aber das geht jetzt leider nicht.
Ich will Dir die blühenden Rosen auf den Boulevards von Teheran und den Freiheitsturm zeigen, aber dort gehen Menschen auf die Straße, um ihre Freiheit zu erlangen, für die sie mit ihrem Leben bezahlen.
Ich will mit Dir im Albors-Gebirge dem Gesang der Großmeister lauschen und Dir zeigen, wie die jungen Menschen dort unter dem endlosen blauen Himmel glücklich tanzen. Aber das ist dort jetzt verboten, mein liebes Kind.
Ich will Dir zeigen, wie Gutes aus dem Boden wachsen kann, wie junge Menschen ohne Fesseln hier leben. Aber der Weg dahin ist weit.
Ich will Dir die Basare von Tabriz zeigen, die Farbenpracht der Gewänder der Nomaden und die Labyrinthe voller Aromen, den Genuss von Speisen und Getränken, aber verzeih mir, die Basare sind jetzt menschenleer. Die Fensterläden sind geschlossen, die Händler sind jetzt auf den Straßen.
Mein wundervolles Kind, ich möchte Dich Gastfreundschaft von den Meistern lernen lassen. Aber dort sind jetzt Verbrecher an der Macht, die den Namen des Propheten beschmutzen, die Menschen töten und das Land auf ewig mit einem schwarzen Gewand verhüllen wollen.
Ich möchte mit Dir zusammen in einer lauen Sommernacht unter den Sternen die köstlichen Granatäpfel auf dem Dach des Hauses Deiner Großmutter genießen, aber das geht jetzt nicht, denn unter diesem Himmel raucht es, und es ertönen Schüsse.
Mein liebstes Mädchen, das ist keine Gutenachtgeschichte geworden und ich will Dir keine Angst einjagen, denn in diesem Land gibt es Poesie, die Dir der Wind zuflüstert.
Verzeih mir, meine schöne Tochter, dass die Welt nicht so ist, wie ich dachte, die blutigen Fußspuren, die den Menschen jetzt Angst einjagen. Vergib mir die Angst und den Schmerz, die in den Arterien beben.
Aber eines Tages, und da bin ich sicher, wird sich der Himmel dort wieder aufhellen und das Wasser der Flüsse wird nicht mehr blutrot gefärbt sein und die Menschen werden den Versen von Saadi, Chayyām und Hafis lauschen. Freie Frauen werden im Frieden ihre Haare im Wind wehen lassen.
Ich weiß, dass all das einen Sinn hat und es einen Horizont gibt und dass auf uns Wiesen voller Mohnblumen warten. Halt fest meine Hand, mein wundervolles Kind!

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