{"id":840,"date":"2024-02-26T10:20:09","date_gmt":"2024-02-26T09:20:09","guid":{"rendered":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=840"},"modified":"2024-02-26T10:26:39","modified_gmt":"2024-02-26T09:26:39","slug":"gedenken-zu-kurz-gedacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=840","title":{"rendered":"Gedenken zu kurz gedacht?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kolonialismus in der Erinnerung<\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Theodor-Wonja-Michael-Str-\u00a9SP.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-832\" width=\"526\" height=\"526\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Theodor-Wonja-Michael-Str-\u00a9SP.jpg 970w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Theodor-Wonja-Michael-Str-\u00a9SP-300x300.jpg 300w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Theodor-Wonja-Michael-Str-\u00a9SP-150x150.jpg 150w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/Theodor-Wonja-Michael-Str-\u00a9SP-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 526px) 100vw, 526px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9SP<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Serge Palasie<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"\"><a><\/a> Wenn <em>wir<\/em> uns mit <em>unserer<\/em> Geschichte befassen, sollten wir wissen, dass ein gesellschaftliches \u201eWir\u201c immer ein dynamischer Begriff ist. Die Antwort auf die Frage, wer als integraler Bestandteil von diesem \u201eWir\u201c betrachtet wird und wer nicht, h\u00e4ngt davon ab, wo und von wem diese Frage gestellt wird und \u00e4ndert sich st\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">In einer Erinnerungskultur und -politik, die dem dynamischen \u201eWir\u201c gerecht werden will, sollte \u00f6ffentliches Gedenken dazu geeignet sein, das jeweils aktuelle \u201eWir\u201c in seiner G\u00e4nze abzuholen und ihm Identifizierungsm\u00f6glichkeiten zu geben. Das ist ein Prozess und geht nicht von jetzt auf gleich. Aber gelingen kann das nur, wenn der Bereich Erinnerung genauso dynamisch bleibt wie das \u201eWir\u201c selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">Das kann hei\u00dfen, dass wir an historische Umverteilungsprozesse \u2013 die oft gewaltsam abliefen und auf Kosten anderer jenseits des konstruierten \u201eWir\u201c gingen \u2013 sp\u00e4testens dann anders erinnern m\u00fcssen, wenn sich das \u201eWir\u201c etwa aufgrund von demografischen Entwicklungen so ver\u00e4ndert hat, dass das Gedenken einen Perspektivwechsel verlangt. Dann wird eine Neubewertung von bestimmten Personen und Ereignissen n\u00f6tig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"\"><strong>Erinnerung im Kolonialkontext<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">Auf koloniale Erinnerungskontexte bezogen hei\u00dft das: Als sich Europa und andere im Hochimperialismus die Welt endg\u00fcltig untertan gemacht hatten, war es trotz aller Gegenstimmen, die es auch innerhalb des damaligen \u201eWir\u201c gegeben hat, breiter Konsens, dass das, was passierte, gut war. Entsprechend wurden auch Denkm\u00e4ler eingeweiht und Stra\u00dfennamen vergeben, die Ereignisse und Menschen gedenken, die damals als positiv angesehen wurden. Damals war die Definition des \u201eWir\u201c eine, die ganz offen an ph\u00e4notypischen, kolonialrassistischen Merkmalen festgemacht wurde \u2013 wenngleich es auch damals schon einige Menschen aus den Kolonien in den damaligen kolonialen \u201eMutterl\u00e4ndern\u201c gab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">Das ist heute anders. Deutschland ist noch nie so wenig ein ethnisch homogenes Land gewesen wie aktuell \u2013 wobei es das auch trotz aller Rhetorik nie gewesen ist. Ein wachsender Teil in der Bev\u00f6lkerung hat pers\u00f6nliche, also famili\u00e4re Beziehungen zu L\u00e4ndern, die Opfer des Imperialismus waren und die zum Teil bis heute durch eine (Wirtschafts- und Sicherheits-) Politik, die den Status quo aufrechterhalten will, benachteiligt werden. Das stark ph\u00e4notypisch motivierte \u201eWir\u201c von gestern muss sich dynamisch in Richtung eines \u201eWir\u201c bewegen, in dem andere Kategorien zunehmend bestimmend sind \u2013 denn sonst geht Erinnerungspolitik an immer gr\u00f6\u00dferen Teilen der Bev\u00f6lkerung vorbei und verursacht Widerst\u00e4nde, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gef\u00e4hrden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1024x1024.jpg\" alt=\"Serge-Palasie\u00a9SP\" class=\"wp-image-591\" width=\"409\" height=\"409\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-300x300.jpg 300w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-150x150.jpg 150w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-768x768.jpg 768w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-2048x2048.jpg 2048w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1200x1200.jpg 1200w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1980x1980.jpg 1980w\" sizes=\"auto, (max-width: 409px) 100vw, 409px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Serge Palasie \u00a9SP<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p class=\"\"><strong>Das Beispiel Wilhelm II.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">Um das an einem Beispiel festzumachen: Teilweise k\u00fcnstlich erregt diskutieren verschiedene Vertreter*innen aus der Gesellschaft das F\u00fcr und Wider des Reiterstandbilds Wilhelm des Zweiten auf der Hohenzollernbr\u00fccke in K\u00f6ln. Einige sagen: \u201eEs bringt doch gar nichts, wenn wir ein Denkmal entfernen! Die Geschichte wird so nicht ungeschehen gemacht!\u201c Das stimmt. Aber es geht nicht darum, dass Geschichte gel\u00f6scht wird, sondern ein Perspektivwechsel vollzogen wird, der Resultat von Aushandlungsprozessen verschiedener Gruppen des aktuellen \u201eWir\u201c sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">Klar, Personen, an die \u00f6ffentlich erinnert wird, sind so gut wie nie nur eindimensional, sondern oft komplex und sogar widerspr\u00fcchlich in ihrem Handeln gewesen. Egal, wo auf der Welt. Sie k\u00f6nnen einerseits etwas erreicht haben, das von gesamtgesellschaftlichem oder l\u00e4nder\u00fcbergreifendem Nutzen war und anderseits gewaltt\u00e4tig, sexistisch, rassistisch etc. gewesen sein. Es ist unm\u00f6glich, rein objektiv die Leistungen und die problematischen Aspekte einer Person miteinander zu verrechnen, um am Ende sagen zu k\u00f6nnen: \u201eBei Person X \u00fcberwiegt das Gute, also darf weiterhin an sie in der \u00d6ffentlichkeit \u2013 durch ein Denkmal oder eine Stra\u00dfe \u2013 erinnert werden. Bei Person Y \u00fcberwiegt das Schlechte, also d\u00fcrfen wir nicht mehr an sie erinnern.\u201c Das Urteil h\u00e4ngt immer auch stark von der Zusammensetzung des jeweils aktuellen \u201eWir\u201c ab. Dieser gesellschaftliche Konsens bzw. Dissens ist am Ende st\u00e4rker als \u00fcbergeordnete Moralvorstellungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">Allerdings gibt es Ausnahmen: Wenn klar ist, dass beispielsweise jemand zu Massenmord aufgerufen hat, sollten \u00fcbergeordnete Moralvorstellungen \u00fcber dem Urteil des aktuell dominierenden gesellschaftlichen \u201eWir\u201c stehen, das oft in Unkenntnis aller relevanten Zusammenh\u00e4nge gef\u00e4llt worden ist. Schuld daran ist die regelm\u00e4\u00dfige Reproduktion einer selektiven Geschichtsdarstellung etwa durch Teile der Politik inklusive der Bildungspolitik. Wilhelm II. hat 1900 einen Vernichtungsbefehl in Bremerhaven ausgesprochen, als sich die Soldaten f\u00fcr die Niederschlagung des antikolonialen Widerstands in China einschifften, wo neben anderen auch das Deutsche Reich bis zum Ersten Weltkrieg pr\u00e4sent war. In einer Gesellschaft, die Menschenrechte immer wieder betont und Menschenrechtsverletzungen woanders anprangert, ist das in zweifacher Weise problematisch: Nicht jede Total-Entgleisung kann durch \u201egute Taten\u201c derselben Person wieder ausgeglichen werden. Neben einer schwindenden Akzeptanz im innergesellschaftlichen Zusammenhang aufgrund eines sich wandelnden \u201eWir\u201c kommt hinzu, dass eine solche Erinnerungspolitik auch unserer Glaubw\u00fcrdigkeit nach au\u00dfen schadet. Wir sprechen heutzutage etwa berechtigterweise Menschenrechtsverletzungen weltweit an, auch in China. Gleichzeitig ehren wir mit erw\u00e4hntem Beispiel einen Menschen, dessen Vernichtungsaufruf am Ende mehrere Zehntausend Menschenleben vor Ort kostete. Hier sollten wir Gedenken nicht zu kurz denken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">Denn \u2013 wenn auch teilweise unbewusste \u2013 Doppelstandards k\u00f6nnen \u201egegen uns verwendet\u201c werden. Wie k\u00f6nnen wir zur Wahrung von Menschenrechten aufrufen, w\u00e4hrend wir gleichzeitig Menschen \u00f6ffentlich gedenken, die diese Rechte massiv verletzten? Wer diesen Widerspruch vor Augen hat, sieht k\u00fcnftig mehr als nur ein Pferd mit Reiter, wenn sie*er \u00fcber die Hohenzollernbr\u00fccke f\u00e4hrt oder geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">Die zur Vernichtung aufrufende Grenz\u00fcberschreitung vonseiten der h\u00f6chsten politischen Ebene 1900 l\u00e4utete im \u00dcbrigen eine Phase ein, zu der auch unter anderem der durch Deutsche begangene V\u00f6lkermord an den Ovaherero und Nama im heutigen Namibia zu z\u00e4hlen ist. Und auch das Zustandekommen des Ersten Weltkriegs kann vor dem Hintergrund erw\u00e4hnter Haltung des Kaisers besser verstanden werden. Allerdings konnten sich Deutschlands Gegner in diesem Fall mit modernen Waffen wehren, was \u2013 anders als in den Kolonien \u2013 auch zu unz\u00e4hligen Opfern auf deutscher Seite f\u00fchrte. Die Opfer des Wilhelminischen Zeitalters sind also zahlreich. Ein neues \u201eWir\u201c erinnert an sie alle \u2013 ohne zu hierarchisieren oder zu relativieren. Dass der Ex-Kaiser nach verlorenem Krieg in seinem niederl\u00e4ndischen Exil sozusagen im Stand-By-Modus mit seiner Wiedereinsetzung unter den Nazis rechnete, vervollst\u00e4ndigt das Bild einer Person, deren Geltungsdrang keine moralischen Grenzen kannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"\">Das Beispiel ist nur ein besonders prominentes. Andere Denkm\u00e4ler sind \u00e4hnlich kritisch zu betrachten. Dabei gilt: F\u00fcr keines gibt es eine Blaupause, wie damit umgegangen werden soll. Alle m\u00fcssen einzeln in einem Dialog aller relevanten Akteur*innen in der Gesellschaft immer wieder \u00fcberpr\u00fcft werden. Und wenn n\u00f6tig, muss ein neuer Umgang mit ihnen gefunden werden. Bei einigen reicht ein Hinweisschild mit QR-Code zur besseren geschichtlichen Einordnung, bei anderen reicht das nicht. Das hei\u00dft nicht, dass wir k\u00fcnftig alle paar Jahre alle Denkm\u00e4ler austauschen m\u00fcssen. Das hei\u00dft: Kein Denkmal hat Anspruch auf Ewigkeit, nur, weil es einmal eingeweiht worden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolonialismus in der Erinnerung Serge Palasie Wenn wir uns mit unserer Geschichte befassen, sollten wir wissen, dass ein gesellschaftliches \u201eWir\u201c immer ein dynamischer Begriff ist. 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