{"id":79,"date":"2020-06-14T18:39:06","date_gmt":"2020-06-14T18:39:06","guid":{"rendered":"http:\/\/diegrenze.org\/?p=79"},"modified":"2020-07-22T00:05:50","modified_gmt":"2020-07-21T22:05:50","slug":"kein-gesicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=79","title":{"rendered":"Kein Gesicht"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Maya Helget<\/h4>\n\n\n\n<p>Ein Mann, Mitte 40, verheiratet. Er ist aus einer mittelalterlichen Stadt mit einer Burg obenan und einer Stadtmauer ringsum. Seine Frau kommt aus der Gro\u00dfstadt. In einem Ort, der nur aus einer Landstra\u00dfe, einer Kirche, einer Schule und wenigen H\u00e4uschen besteht, in den sich normalerweise nur Prostituierte, Nomaden oder Tramper verlaufen, gabelt er uns auf. Zwei jugendliche Tramper hat er bereits in seiner Familienkarre dabei: einer um die 14, der andere um die 17 Jahre alt. Der Kindersitz, der die beiden auf dem R\u00fccksitz voneinander trennte, wird kurzerhand in den ger\u00e4umigen Kofferraum gepackt, um uns Platz zu verschaffen. Wir fahren los. Meine Freundin auf dem Beifahrersitz und ich zwischen den beiden Jungs. Ein bei\u00dfender Geruch steigt mir in die Nase. Einem der Jungen heftet er an. Sie be\u00e4ugen uns sch\u00fcchtern. Wir beginnen ein Gespr\u00e4ch mit dem Fahrer. Sein Englisch ist wunderbar, er spricht leise und ruhig, ja fast traurig, melancholisch. Es f\u00e4llt mir schwer ihn vom R\u00fccksitz aus zu verstehen. Wir erz\u00e4hlen davon, dass wir an diesem Wochenende gerne das Land erkunden wollen und au\u00dferdem unsere Freunde besuchen m\u00f6chten, einen Georgier und einen Franzosen. Er, indes, berichtet von seinen Reisen: in Amerika sei er lange gewesen, besonders auch in S\u00fcdamerika. Ich sch\u00e4me mich ein wenig, dass seine geografischen Angaben zumeist v\u00f6llig unbekannte Variablen f\u00fcr uns sind. Er berichtet aus Chile, Argentinien. Ganz so, als w\u00e4re er in diesem Moment dort. Er scheint uns und seine Gegenwart v\u00f6llig zu vergessen. Oder kommt es mir nur so vor, weil ich ihn von meiner Position aus nicht wirklich sehen kann? Er kommt aufs Gebirge zu sprechen, stets habe ich das Gef\u00fchl, er hofft auf ein erl\u00f6sendes Wort von uns, so dass er endlich aufh\u00f6ren kann zu berichten. Doch da wir aufgrund unserer Unkenntnis keine guten Zuh\u00f6rer sind nicken wir nur stets beklommen und geben Laute der Achtung von uns. Ich f\u00fchle seine Entt\u00e4uschung. F\u00fcr ihn sind diese Erinnerungen lebendig, f\u00fcr uns nur leere Worte. Er sehnt sich danach verstanden zu werden, seine Bilder, Sinneserfahrungen, Gef\u00fchle mitzuteilen, doch es ist hoffnungslos. Endlich akzeptiert er unsere Unbetroffenheit. Eine Ewigkeit war vergangen. Er spricht weiter, fragt uns aus. Er sagt, dass er nichts bereut. Seine Stimme ist freundlich, aber dennoch unzweifelhaft melancholisch. Macht er sich selbst etwas vor?&nbsp; W\u00e4hrend die Minuten hinfort schweben, lernen wir ihn kennen. Er macht mich neugierig, ich versuche durch den Innenspiegel des Autos sein Gesicht auszumachen. Mein Blick mustert diese Gestalt, doch nie bekomme ich ihn richtig erfasst, stets nur Linien, Formen, Bewegungen. Ein Haarschopf, eine Stimme ohne Mund. Es ist eine aussichtslose Situation. Nur seine Augen und das winzige Rechteck, das der Spiegel mir er\u00f6ffnet, geben mir eine Idee dieses Menschen. Gelten Augen auch sonst als Spiegel der Seele, so muss ich zugeben, dass mir seine Augen nicht in Erinnerung geblieben sind. Ihm lag die Seele auf der Zunge, in seiner Stimme, dieser traurig-hoffnungsvollen, leisen Stimme. Er erkl\u00e4rt uns ergeben, dass seine Frau ungl\u00fccklich ist in diesem Land. Sie m\u00f6chte nach Amerika gehen. Er hingegen hat sein Zuhause nach vielen Reisen gefunden, hier in diesem, in seinem Land. Als er uns an einer Kreuzung hinausl\u00e4sst, schaue ich ihn nicht an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maya Helget Ein Mann, Mitte 40, verheiratet. Er ist aus einer mittelalterlichen Stadt mit einer Burg obenan und einer Stadtmauer ringsum. Seine Frau kommt aus der Gro\u00dfstadt. 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