{"id":589,"date":"2022-01-22T21:21:55","date_gmt":"2022-01-22T20:21:55","guid":{"rendered":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=589"},"modified":"2022-01-27T17:57:44","modified_gmt":"2022-01-27T16:57:44","slug":"alte-schlange-in-neuer-haut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=589","title":{"rendered":"\u201eAlte Schlange in neuer Haut\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"versklavung-und-strukturelle-ausbeutung-gestern-und-heute\"><strong>Versklavung und strukturelle Ausbeutung gestern und heute<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/faust\u00a9SP-1024x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-590\" width=\"425\" height=\"425\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/faust\u00a9SP-1024x1024.png 1024w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/faust\u00a9SP-300x300.png 300w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/faust\u00a9SP-150x150.png 150w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/faust\u00a9SP-768x768.png 768w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/faust\u00a9SP-1200x1200.png 1200w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/faust\u00a9SP.png 1486w\" sizes=\"auto, (max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Serge Palasie, Eine Welt Netz NRW<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2026in welcher neuen Haut wird diese alte Schlange daherkommen?\u201c fragte sich schon der Afroamerikaner Frederick Douglass 1865 anl\u00e4sslich der Abschaffung des Versklavungssystems in den USA. Heute denken nicht wenige Menschen im Westen noch immer an einen Baumwolle pfl\u00fcckenden Menschen afrikanischer Herkunft, wenn sie das Wort \u201eSklave\u201c h\u00f6ren. Filme wie \u201eAmistad\u201c oder ,,Twelve Years a Slave\u201c pr\u00e4gen unser Bild von Versklavung. Redewendungen wie \u201eBin ich Dein N****?\u201c (Das rassistische N-Wort als Bezeichnung f\u00fcr Schwarze Menschen wollen wir hier nicht reproduzieren), die zum Einsatz kommen, wenn jemand eine geforderte Arbeit nicht tun will, zeigen, wie tief das Bild von \u201eSklave\u201c und \u201eSchwarzsein\u201c in vielen K\u00f6pfen noch verankert ist. Und da diese transatlantische Versklavungs\u00f6konomie, die den Rassismus und den Westen letztlich \u00fcberhaupt erst schuf, offiziell vorbei ist, denken nicht wenige Menschen, dass Versklavung heute kaum noch Thema sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber Versklavung und andere Formen struktureller Ausbeutung existieren auch heute noch \u2013 weltweit. Je nach Definition von \u201emoderner\u201c Sklaverei sind heute 20-50 Millionen Menschen betroffen. Das sind vorsichtige Sch\u00e4tzungen \u2013 nicht mehr und nicht weniger. Die Grenzen zwischen struktureller Ausbeutung, die weitaus mehr Menschen betrifft, und \u201emoderner\u201c Sklaverei sind flie\u00dfend. Was k\u00f6nnen wir tun, um dieser \u00f6konomisch motivierten Menschenverachtung zu begegnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Strukturelle Ausbeutung inklusive Versklavung gibt es seit dem Bestehen sogenannter Hochkulturen. Wir reden also von gut 10.000 Jahren. Sie sind keine Erfindung des Westens, wenngleich die transatlantische Versklavungswirtschaft in puncto Menschenverachtung nie gekannte Dimensionen erreichte. Heute k\u00f6nnten wir beispielsweise die wenigsten architektonischen Monumente vergangener Kulturen weltweit bestaunen, wenn es nicht schon immer billige oder gar kostenlose Arbeitskr\u00e4fte gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtig: Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung, die durch die erw\u00e4hnte transatlantische Versklavungs\u00f6konomie gepr\u00e4gt worden ist, waren und sind global gesehen vor allem Frauen und Kinder Opfer struktureller Ausbeutung. Au\u00dferdem sind strukturelle Formen der Ausbeutung sehr flexibel und in der Regel eher nicht auf vermeintlich ethnisch definierbare \u00c4u\u00dferlichkeiten beschr\u00e4nkt. Und die Form der rechtlich abgesicherten Versklavung, in der Versklavte offizieller Besitz eines \/ einer Besitzer*in sind, macht heute \u201enur\u201c noch gesch\u00e4tzte 10 Prozent aller Formen \u201emoderner\u201c Versklavung aus. Generell gilt, dass Menschen umso h\u00e4ufiger Opfer struktureller Ausbeutung werden, desto entwurzelter sie sind. Daher sind auch und gerade Gefl\u00fcchtete besonders betroffen. Ein Blick auf die Erntehelfer*innen in der Landwirtschaft, vor allem der EU-Mittelmeeranrainer wie Spanien und Italien, spricht hier B\u00e4nde. Aber auch in Deutschland w\u00fcrden ganze Sektoren der Wirtschaft \u2013 vom Baugewerbe und der Landwirtschaft \u00fcber die Fleischindustrie bis hin zum Pflegebereich und anderen k\u00f6rpernahen Dienstleistungen, einschlie\u00dflich Prostitution \u2013 ohne das internationale Heer an billigen Arbeitskr\u00e4ften anders aussehen. In die Aufz\u00e4hlung geh\u00f6ren auch organisiertes Betteln, Zwangsheirat oder auch der internationale Organhandel.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1024x1024.jpg\" alt=\"Serge-Palasie\u00a9SP\" class=\"wp-image-591\" width=\"437\" height=\"437\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-300x300.jpg 300w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-150x150.jpg 150w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-768x768.jpg 768w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-2048x2048.jpg 2048w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1200x1200.jpg 1200w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Serge-Palasie\u00a9SP-1980x1980.jpg 1980w\" sizes=\"auto, (max-width: 437px) 100vw, 437px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Globalisierte Formen struktureller Ausbeutung folgen immer wieder der gleichen \u201eLogik\u201c: Wo produziere ich am kosteng\u00fcnstigsten? Mit welchen Arbeitskr\u00e4ften? Und wie setze ich die Produkte mit h\u00f6chstm\u00f6glichem Gewinn ab? Unser Massenkonsum wird vielfach durch eine strukturelle globale Ungleichheit erm\u00f6glicht, die in Bezug auf die S\u00fcd-Nordungleichheit ohne eine koloniale Umverteilungsgeschichte nicht denkbar w\u00e4re. Kaffee, Schokolade, Autofahren, Smartphone: Alles w\u00e4re teurer, wenn globale Handelsbeziehungen auf Augenh\u00f6he herrschen w\u00fcrden, in deren Rahmen ausbeuterische Arbeitsbedingungen keinen Platz mehr h\u00e4tten. Zwar hat sich die internationale Staatengemeinschaft zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen bekannt, deren zentrales Ziel es ist, Ungleichheiten innerhalb und zwischen Staaten zu verringern. Ziel 8.7. fordert gar \u201eunmittelbare und effektive Ma\u00dfnahmen, um Zwangsarbeit \u2026 moderne Sklaverei und Menschenschmuggel zu beenden\u201c. Bindend sind sie jedoch kaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schnell \u00f6konomische Interessen und moralische Anspr\u00fcche miteinander in Konflikt geraten k\u00f6nnen, veranschaulichte die Debatte in Deutschland um ein Lieferkettengesetz, das Ausbeutung von Mensch und Umwelt entlang globaler Wertsch\u00f6pfungsketten erheblich reduzieren k\u00f6nnte. Da warnte im Jahr 2020 das Bundeswirtschaftsministerium vor \u201eSchnellsch\u00fcssen\u201c und verwies auf die pandemiebedingte \u00f6konomische Rezession. Das bedeutet: Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards? Ja, aber nur, solange es der Wirtschaft nicht schadet. So werden Ungleichheiten im Globalen S\u00fcden bzw. Formen struktureller Ausbeutung vor Ort, die zum Teil viel \u00e4lter sind als das heutige globale S\u00fcd-Nordgef\u00e4lle, f\u00fcr eine globale Wertsch\u00f6pfungskette aufrechterhalten bzw. ausgebaut. Nat\u00fcrlich gab und gibt es auch Nutznie\u00dfer vor Ort, aber das gro\u00dfe Geld wird woanders gemacht. Solche Strukturen sind l\u00e4ngst auch ein wesentlicher Treiber von Flucht und Migration. Immerhin haben wir nun ein \u201eLieferkettengesetzchen\u201c, ein Anfang ist also gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00f6nnen wir struktureller Ausbeutung einschlie\u00dflich \u201emoderner\u201c Sklaverei \u00fcberhaupt wirkm\u00e4chtig entgegentreten? Ja, allein schon durch unsere pers\u00f6nlichen Konsumgewohnheiten \u2013 je nach verf\u00fcgbarem Budget und individuellem Willen zur kritischen Selbstreflexion wohlgemerkt. Es macht einen Unterschied, ob ich eine Banane esse bzw. einen Kaffee trinke, f\u00fcr deren bzw. dessen Anbau Menschen nicht ausgebeutet und Umweltstandards nicht missachtet worden sind. Aber reicht das? Nein. Der wachsende Faire Handel, so begr\u00fc\u00dfenswert er ist, hat in Deutschland zurzeit einen Marktanteil von nur etwa einem Prozent. Und wie oben angerissen, gibt es neben diesen globalen Ausbeutungsstrukturen auch die vor unserer eigenen Haust\u00fcr. Um eine historisch gewachsene Pfadabh\u00e4ngigkeit zu \u00fcberwinden, in deren Logik \u00f6konomisches Wachstum \u00fcber alles andere gestellt wird, ist also noch ein sehr langer Weg zu gehen. Dazu ist aber auch ein Umdenken n\u00f6tig \u2013 von der Kita an. Wie definieren wir gutes Leben? Kann ein m\u00f6glichst kosteng\u00fcnstiger Konsum von Waren und Dienstleistungen, dessen Kosten andere bezahlen, tats\u00e4chlich der Hauptgradmesser f\u00fcr den Erfolg \u201eunserer Art zu leben\u201c sein? Wie lange k\u00f6nnen wir die damit verbundenen inner- und zwischengesellschaftlichen Verwerfungen ignorieren? Engagierte Individuen, Vereine, Initiative etc. in Nord und S\u00fcd k\u00f6nnen einen wichtigen Beitrag dazu leisten, ein Umdenken \u2013 auch in Politik und Wirtschaft \u2013 zu f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterlesen \u00fcber das Thema im Artikel im Magazin ver\u00f6ffentlicht von Forum Weltkirche <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/fw\/hefte\/archiv\/2021\/4-2021\/\">https:\/\/www.herder.de\/fw\/hefte\/archiv\/2021\/4-2021\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versklavung und strukturelle Ausbeutung gestern und heute Serge Palasie, Eine Welt Netz NRW \u201e\u2026in welcher neuen Haut wird diese alte Schlange daherkommen?\u201c fragte sich schon der Afroamerikaner Frederick Douglass 1865 anl\u00e4sslich der Abschaffung des Versklavungssystems in den USA. 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