{"id":558,"date":"2021-08-21T21:25:58","date_gmt":"2021-08-21T19:25:58","guid":{"rendered":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=558"},"modified":"2021-09-21T21:25:37","modified_gmt":"2021-09-21T19:25:37","slug":"koloniales-erbe-uberwinden-zukunftsfahig-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=558","title":{"rendered":"Koloniales Erbe \u00fcberwinden, zukunftsf\u00e4hig bleiben"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Serge Palasie<\/h5>\n\n\n\n<p>Eine nach wie vor vorhandene globale und innergesellschaftliche Perspektivenungleichheit ist ohne einen Blick auf die Geschichte nicht erkl\u00e4rbar. Eine Umverteilungsgeschichte ab Kolumbus und Co. schuf schon lange vor Beginn der offiziellen deutschen Kolonialzeit f\u00fcr den entstehenden Westen immer mehr Wohlstand und Perspektiven \u2013 nicht selten auf Kosten auszubeutender Dritter. Der Rassismus entstand, um die koloniale Expansion pseudomoralisch zu rechtfertigen. Er entwickelte sich mit der gr\u00f6\u00dften Zwangsmigration der Geschichte, dem transatlantischen Versklavungshandel. Die erste deutsche Aktiengesellschaft entstand im Kontext dieses Menschenhandels. Wer unseren heutigen \u201eEntwicklungsstand\u201c als reines Resultat besonders organisierter und innovativer Vorfahren darstellt und die Bedeutung gewaltsamer Umverteilungsprozesse herunterspielt oder gar unter den Teppich kehrt, leugnet eine historische Verantwortung gegen\u00fcber Weltgegenden, die im Zuge der transatlantischen Geschichte \u00fcberhaupt erst \u201eunterentwickelt\u201c wurden. Das ist auch f\u00fcr unser Zusammenleben in einem bunter werdenden Deutschland wichtig: Der defizit\u00e4re Blick auf die sogenannten \u201eEntwicklungsl\u00e4nder\u201c f\u00e4llt regelm\u00e4\u00dfig auch auf nicht <em>wei\u00dfe<\/em> B\u00fcrger*innen zur\u00fcck. Wenn diese Zusammenh\u00e4nge ausgeblendet werden, kann man Otto-Normalverbraucher*in nicht b\u00f6se sein, wenn sie\/er glaubt, dass \u201eUnterentwicklung\u201c quasi der selbstverschuldete Urzustand von Afrika und anderen an den Rand gedr\u00e4ngten Weltgegenden sei und sie\/er dementsprechend wenig Mitgef\u00fchl f\u00fcr Mitb\u00fcrger*innen aus ebendieses Weltgegenden bzw. deren in Deutschland geborenen Nachfahren empfindet. Der Begriff \u201eEntwicklung\u201c ist dabei durchaus problematisch, da er negative soziale und \u00f6kologische Folgen wirtschaftlichen Handels selten angemessen ber\u00fccksichtigt. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr das ganze Thema Flucht und Migration: Ein wachsender Migrationsdruck im Globalen S\u00fcden ist vielfach das Resultat unfairer Handelsstrukturen, die oftmals in der Kolonialzeit gewaltsam etabliert worden sind. Die Industrialisierung, mit der auch der menschengemachte Klimawandel begann, w\u00e4re ohne Kolonien sicher anders verlaufen. W\u00fcrden historische Zusammenh\u00e4nge angemessen in unserer Gesellschaft behandelt werden, w\u00fcrden despektierliche Begriffe wie \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtling\u201c nicht mehr salonf\u00e4hig sein. Und das Thema Klimaungerechtigkeit w\u00fcrden wir wohl auch mit anderen Augen sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder hei\u00dft es: \u201eJetzt lasst doch mal die Vergangenheit Vergangenheit sein, das ist doch alles schon lange vorbei!\u201c Das ist eine Denkweise, die ignoriert, dass wir tagt\u00e4glich mit Spuren der Kolonialgeschichte konfrontiert werden. Es gibt greifbare koloniale Spuren und Spuren in den K\u00f6pfen der Menschen in Deutschland. Sichtbar sind etwa Stra\u00dfennamen und Denkm\u00e4ler, die Kolonialverbrecher unreflektiert gedenken. Auch Raubkunst und menschliche \u00dcberreste im vielen deutschen Museen geh\u00f6ren in diese Aufz\u00e4hlung. Viele Museen bewegen sich hier nur halbherzig. Eine Mahnwache zur R\u00fcckgabe von Raubkunst (konkret ging es um die sogenannten Benin-Bronzen), wie sie 2020 vor und mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum in K\u00f6ln stattfand, ist eher die Ausnahme. Im Bereich der Bildung einschlie\u00dflich des \u00f6ffentlichen medialen und politischen Diskurses werden rassistisch gepr\u00e4gte Denkmuster leider immer wieder reproduziert. Und das von der Kita an. Man denke nur an so Lieder, wie das Kolumbuslied oder verschiedene Kinderb\u00fccher, die trotz klar rassistischer Darstellungen weiter im Umlauf sind und einer wachsenden Zahl nicht <em>wei\u00df<\/em> gelesener Menschen vor den Kopf sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/serge-palasie-\u00a9SP-min-1024x683.jpg\" alt=\"Serge Palasie\" class=\"wp-image-560\" width=\"534\" height=\"355\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/serge-palasie-\u00a9SP-min-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/serge-palasie-\u00a9SP-min-300x200.jpg 300w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/serge-palasie-\u00a9SP-min-768x512.jpg 768w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/serge-palasie-\u00a9SP-min-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/serge-palasie-\u00a9SP-min-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/serge-palasie-\u00a9SP-min-1200x800.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 534px) 100vw, 534px\" \/><figcaption>serge-palasie-\u00a9AndreasGrasser<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Erschwerend auf die \u00dcberwindung des kolonialen Erbes wirkt die Blockade-Haltung vieler Menschen, die entr\u00fcstet reagieren, wenn man sie etwa mit dem eigenen teilweise rassistisch gepr\u00e4gten Denken konfrontiert. Solche Menschen sagen, dass sie sich doch nicht belehren lassen wollen. Und genau das ist das Problem: Wenn Nutznie\u00dfer*innen des kolonialen Erbes meinen, sie bes\u00e4\u00dfen die Deutungshoheit dar\u00fcber, ab wann von Rassismus die Rede ist und wann nicht, dann wird es schwierig. Erst neulich erlebte ich eine Situation, die hier als Paradebeispiel dienen kann: Die Besitzer eines Betriebs, der das kolonial-belastete M-Wort (Triggerwarnung: \u201eMohr\/en\u201c) tr\u00e4gt, haben wir ohne belehrenden Ton auf die rassistische Dimension des Begriffs aufmerksam machen wollen. Es ging nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Es ging darum, Unbewusstes bewusst zu machen. Die Reaktion: Man lie\u00df uns gar nicht ausreden und fiel uns stattdessen st\u00e4ndig ins Wort \u2013 und zwar mehrfach mit folgendem Satz: \u201eM\u00f6gen Sie keine Schwarzen?\u201c Schuld ist hier in erster Linie nicht das Individuum, das Rassismus teils unbewusst reproduziert, sondern eine in der Vergangenheit h\u00e4ngengebliebene deutsche Erinnerungskultur.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf Denkm\u00e4ler, Stra\u00dfennamen und andere belastete Orte m\u00fcsste mindestens eine Kontextualisierung stattfinden. Wenn eine Stra\u00dfe etwa nach einer ehemaligen deutschen Kolonie bzw. dem Nachfolgestaat benannt ist, dann w\u00e4re hier eine Infotafel, die auf den kolonial-historischen Kontext aufmerksam macht, das Mindeste. Stra\u00dfen, die Kolonialverbrecher ehren \u2013 auch \u201eSchreibtischt\u00e4ter\u201c \u2013 m\u00fcssen aus meiner Sicht umbenannt werden. Das geschieht zwar zum Teil auch schon, aber viel zu langsam und halbherzig. Das ist nur m\u00f6glich, weil das Thema Kolonialismus gesamtgesellschaftlich gesehen noch immer kaum angemessen behandelt wird. Solange die deutsche Kolonialzeit verkl\u00e4rt oder gar romantisiert wird, darf man sich nicht wundern, dass sich etwa auch Anwohner*innen in belasteten Stra\u00dfen oftmals gegen Umbenennungen aussprechen. Nach der grausamen Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch einen <em>wei\u00dfen<\/em> Polizisten in den USA im Mai 2020 intensivierten sich weltweit Bem\u00fchungen von Aktivist*innen, belastete Stra\u00dfennamen, Denkm\u00e4ler usw. umzubenennen, in ihren kolonial-historischen Kontext zu stellen oder zu entfernen. Damit \u00f6ffnete sich auch hierzulande ein Fenster. Bleibt zu hoffen, dass dieses Fenster offenbleibt und sich noch weiter \u00f6ffnet. Denn in ganz Deutschland besteht noch Handlungsbedarf.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnten das koloniale Erbe \u2013 zumindest in innergesellschaftlicher Hinsicht \u2013 \u00fcberwinden, wenn tats\u00e4chlich ein ehrlicher Wille dazu breit vorhanden w\u00e4re. Um daf\u00fcr Mehrheiten gewinnen zu k\u00f6nnen, braucht Deutschland eine neue Anerkennungs- und Erinnerungspolitik von der Kita an, die sich endlich von der Idee einer fixen ethnokulturellen Definition von Deutschsein verabschiedet. Das sollte Deutschland nicht nur allein aus moralischen Gr\u00fcnden tun, sondern im ureigenen Interesse. Wer die sich im Wandel begriffene demografische Realit\u00e4t leugnet, um historisch gewachsene Privilegien bestimmter Gruppen zu wahren, spielt mit der Zukunftsf\u00e4higkeit unseres Landes. Und: Die \u00dcberwindung des kolonialen Erbes hier ist die Voraussetzung daf\u00fcr, um das koloniale Erbe auf globaler Ebene zu \u00fcberwinden. Letzteres ist n\u00f6tig, um globalen Herausforderungen begegnen zu k\u00f6nnen, die vor L\u00e4ndergrenzen nicht haltmachen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Serge Palasie Eine nach wie vor vorhandene globale und innergesellschaftliche Perspektivenungleichheit ist ohne einen Blick auf die Geschichte nicht erkl\u00e4rbar. Eine Umverteilungsgeschichte ab Kolumbus und Co. schuf schon lange vor Beginn der offiziellen deutschen Kolonialzeit f\u00fcr den entstehenden Westen immer mehr Wohlstand und Perspektiven \u2013 nicht selten auf Kosten auszubeutender Dritter. 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