{"id":514,"date":"2021-02-08T21:27:00","date_gmt":"2021-02-08T20:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=514"},"modified":"2021-02-08T21:46:32","modified_gmt":"2021-02-08T20:46:32","slug":"sprache-hilft-uns-die-grenze-zu-verstehen-und-uberwinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=514","title":{"rendered":",,Sprache hilft uns die Grenze zu verstehen und \u00fcberwinden\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Das Leben ist f\u00fcr Frau Annakuty Valiamangalam ein kleines Abenteuer zwischen vielen Kulturen. Deutschland lernte sie sehr kurz in den 1970er Jahren kennen. In der 1990er Jahren hat sie an unterschiedlichen Universit\u00e4ten in Bonn und K\u00f6ln ihr Muttersprache Malayalam unterrichtet. Damals arbeitete ihr Mann als Professor an der Universit\u00e4t Bonn und sie verbrachte ihre Semesterferien in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Geboren und bis zu ihrer Jugend aufgewachsen ist sie in dem kleinen sch\u00f6nen Land an der S\u00fcdspitze Indiens &#8211; Kerala. F\u00fcr weiteres Studium kam sie dann nach Nordindien. Dieser Sprung von Kerala nach Banaras in Nordindien und das Leben in Varanasi waren f\u00fcr sie am Anfang eine gro\u00dfe Herausforderung. Nach dem erfolgreichen Abschluss des B.A und M.A.-Kurses schloss sie ein zweites Studium an und absolviertete einen M.A in Germanistik&nbsp;an Banaras Hindu Universit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>1975 erhielt sie ein Stipendium in \u00d6sterreich f\u00fcr Promotionsstudien. &nbsp;Das bot ihr die goldene Gelegenheit deutschsprachige L\u00e4nder, Kulturen bzw. europ\u00e4ische Kulturen ebenso in der Vielfalt wie in Indien ein wenig wahrzunehmen.<br>1979 promoviertete sie erfolgreich an der Universit\u00e4t Salzburg in Germanistik.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der R\u00fcckkehr nach Indien begann sie eifrig an der Banaras Hindu Universit\u00e4t, die Germanistik zu st\u00e4rken und aufzubauen. 1987 bekam ich die Berufung als Professorin f\u00fcr Deutsch und als Leiterin des Department of Foreign Languages der Universsity of Bombay (nun umgenannt in Mumbai). Nach dem Dienst von 15 Jahren an der Universit\u00e4t Mumbai bekam sie die Auszeichnung als Professor Emeritus Fellow.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Emeritierung leben sie mit ihrem Mann zum Teil in Indien und zum Teil in Deutschland. In&nbsp; dem Sinne ist das Leben f\u00fcr sie wahrlich ein&nbsp; interkulturelles Engagement.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis jetzt habe ich zwei B\u00fccher (Anthologien) mit ausgew\u00e4hlten Gedichten ver\u00f6ffentlicht. &#8220;Ich Glaube nicht an Grenzen&#8221; (K. Satchidanandan, Draupadi Verlag, Heidelberg, 2006) enth\u00e4lt ausgew\u00e4hlte Gedichte von dem modernen international bekannten indischen Dichter aus Kerala, der in Malayalam schreibt:&nbsp; K. Satchidanandan. Das zweite Buch &#8220;Ein Tropfen Licht&#8221; (von O.N.V. Kurup im Draupadi Verlag, 2012) enth\u00e4lt \u00fcber 80 ausgew\u00e4hlte Gedichte von dem national und international bekannten Dichter O.N.V. Kurup, der durch hohe Auszeichnungen geehrt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze: Frau Valiamangalam, was hatte Sie nach Deutschland gebracht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie Sie sehen k\u00f6nnen, gab mir meine Besch\u00e4ftigung mit der deutschen Sprache und Literatur die Gelegenheit, mit Deutschland bzw. mit den deutschsprachigen L\u00e4ndern Europas in Verbindung zu kommen. Die erste Inspiration bzw. Motivation dazu, dass ich Deutsch lernen wollte, ergab sich aus meiner Besch\u00e4ftigung&nbsp; mit dem deutschen Philosophen Immanuel Kant w\u00e4hrend meines Philosophiestudiums in Banaras. Da lasen wir Kant nur in der englischen \u00dcbersetzung. Doch ich wollte Kant original auf Deutsch lesen&#8230; Sp\u00e4ter versuchte ich das als Germanistin. Ich muss gestehen: Es ist sehr sehr schwer, Kant zu verstehen&#8230;Dennoch hoffe ich, dass ich vielleicht ein wenig verstanden habe&#8230;Deutsch ist besonders als philosophische Sprache, aber auch in der Gestalt hochliterarischer Texte eine sehr schwer zug\u00e4ngliche Sprache, bedeutet aber deswegen auch f\u00fcr Interessierte eine reizende Herausforderung, die fasziniert und nicht mehr losl\u00e4sst&#8230;!! Es freut mich auch heute noch, Zeugen der Kultur der &#8220;Dichter und Denker&#8221; aus Deutschland und anderen L\u00e4ndern zu begegnen, die ihre Erfahrungen mit dem Reichtum der Sprachkulturen gemacht haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze: Seit wann schreiben Sie Literatur in Deutsch?<\/strong><strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als ein junges M\u00e4dchen &#8211; im Gymnasium schon hatte ich eine Schw\u00e4che f\u00fcr Poesie &#8211; f\u00fcr Gedichte. Ich fing damals bereits an, Gedichte zu schreiben, oft habe ich am Wettbewerb f\u00fcr Gedichteschreiben teilgenommen und Preise bekommen. Aber ich bin immer etwas scheu gewesen, meine Gedichte anderen zu zeigen&#8230;,denn es kam mir als etwas ganz Intimes vor. Nat\u00fcrlich schrieb ich damals in meiner Muttersprache Malayalam.&nbsp; Sp\u00e4ter habe ich Gedichte auf Malayalam und auch auf Englisch geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Annakuty-1-824x1024.jpg\" alt=\"Annakuty Valiamangalam\" class=\"wp-image-519\" width=\"593\" height=\"737\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Annakuty-1-824x1024.jpg 824w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Annakuty-1-241x300.jpg 241w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Annakuty-1-768x954.jpg 768w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Annakuty-1.jpg 1030w\" sizes=\"auto, (max-width: 593px) 100vw, 593px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Als ich deutsche Lyrik f\u00fcr mein M.A.-Studium las, wurde ich sehr inspiriert, selber zu schreiben. So begann ich in meinem gebrochenen Deutsch Gedichte zu schreiben. Mir gefiel die deutsche Sprache. Vor allem deshalb, weil ich viele meiner Gef\u00fchle bzw. Empfindungen, die ich vielleicht in meiner Muttersprache nur sehr z\u00f6gernd ausdr\u00fccken w\u00fcrde, auf Deutsch auszudr\u00fccken wagte. Ich schrieb viele Gedichte w\u00e4hrend meines Forschungsaufenthalts in Salzburg. Die Landschaft in und um Salzburg, vor allem die farbenreich- melancholische Herbstlandschaft und die Stimmung des Ortes und&nbsp; der Natur haben mich zum Dichten bewegt. 1985 habe ich eine Sammlung meiner Gedichte, die in Salzburg und zum Teil auch in Banaras entstanden sind, in einem Band unter dem Titel &#8220;Im Tempel der Worte&#8221;&nbsp; bei dem Lingua Verlag, Bielefeld ver\u00f6ffentlicht. 2017 bekam ich den Hildesheimer Literaturpreis (den ersten Votingpreis) bei dem Literaturwettbewerb des Hildesheimer Literaturforums. Diese kleine Anerkennung gibt mir mehr Mut und Inspiration, auf Deutsch weiterhin Gedichte zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze: Was kann die Literatur zur Integration in Deutschland beitragen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sprache ist grunds\u00e4tzlich wichtig f\u00fcr die Integration. Durch eine neue Sprache k\u00f6nnen wir uns eine neu-erworbene Heimat aneigenen. F\u00fcr mich ist die Sprache das Habitat, das Haus des Menschseins. Zugleich ist sie auch das Band, die &#8220;Buchstabenbr\u00fccke&#8221;, die uns mit anderen Mitmenschen verbindet. Sprachkenntnis hilft uns die Grenzen zu \u00fcberwinden, aber auch die Grenzen zu verstehen. Das Erlernen einer neuen Sprache f\u00fchrt uns auch zum Lesen der Literatur in der Sprache, d.h wir begegnen dadurch dem Geist und der Kultur. Deutsche Sprache finde ich sehr reich an Literatur. Deutschland habe ich als ein Land der Dichter und Denker empfunden, als ich Deutsch lernte. Nun ist vielleicht allgemein die Orientierung mehr auf Technologie, da wir bald in eine digitale neue Epoche kommen bzw. die Auswirkungen vielfach erleben. Durch die Globalisierung sind ja Sprachen und Literaturen auch erreichbar nahe geworden. Mit Migranten migrieren auch Sprachen und Kulturen. Ich denke, wir sollen dies alles als Bereicherung ansehen statt als Bedrohung. Die Integration ist keine Einbahnstra\u00dfe, meiner Meinung nach ist es eine gegenseitige Interaktion in vielen Bereichen mit vielen M\u00f6glichkeiten, eine gegensetige Bereicherung, vor allem sollte es uns daran liegen, dass Integration als Begegnung, als Miteinander vollzogen wird, also durch Dialog und nicht als Monolog stattfindet, auf gleicher Ebene und im Zusammenleben, im gegenseitigen Austausch. Das Dichten, Schreiben etc. ist deshalb ein sehr wichtiges Mittel zur Integration. Jede und jeder kann daran mitwirken. Literatur spielt nach meiner Meinung eine ganz wichtige Rolle zur Integration nicht nur in etwas, was ist, sondern was wir alle noch werden und gestalten.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze: Sie haben eine Anthologie mit dem Titel ,,Ich Glaube Nicht An Grenzen\u201c \u00fcbersetzt. Wie sehen Sie die Grenze, als Trennpunkt oder Treffpunkt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Frage bringt die T\u00e4tigkeit der \u00dcbersetzung (literarischen) und die Problematik oder besser gesagt die Dialektik des Begriffs oder des Ph\u00e4nomens &#8220;Grenze&#8221; zusammen. W\u00e4hrend meiner T\u00e4tigkeit der \u00dcbersetzung fand ich es nicht immer leicht, die richtige Equivalenz in der deutschen Sprache zu finden. Dennoch kommt man zu einer Entscheidung und w\u00e4hlt ein Wort bzw. sucht eine Sprache, die den Sinn aber auch die Stimmung des Urtextes in die Zielsprache (hier Deutsch) \u00fcbermittelt oder \u00fcber-setzt. \u00dcbersetzung empfinde ich als Dialog, als ein Gespr\u00e4ch auf zwei Ebenen, einmal mit dem Dichter und seinem Gedicht, aber auch als ein Gespr\u00e4ch oder einen Dialog zwischen den beiden Sprachen. Es ist wie ein Gespr\u00e4ch zwischen &#8220;Ich und Du&#8221;.&nbsp; Sprache ist etwas Lebendiges. In diesem Prozess der \u00dcber-Setzung geschieht eine Begegnung, aber keine Verschmelzung, sondern die Trennung ist auch da. In diesem Prozess des Dialogs werden Grenzen verschoben oder zum Teil \u00fcberwunden. Der Geist macht die Grenzen durchl\u00e4ssig und transzendiert die Grenzen, in dem Sinne k\u00f6nnte man sagen &#8220;Ich glaube nicht an Grenzen!&#8221;. Bei den Dichterlesungen habe ich den Eindruck bekommen, dass die Leser\/Zuh\u00f6rer trotz der Andersheit der Gedichte, die Lesung genossen haben. Sie wurden angesprochen und angeregt, wurden in das Gesagte und Vorgestellte einbezogen, erfuhren sich in den sich anbietenden Beziehungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Leben ist f\u00fcr Frau Annakuty Valiamangalam ein kleines Abenteuer zwischen vielen Kulturen. Deutschland lernte sie sehr kurz in den 1970er Jahren kennen. In der 1990er Jahren hat sie an unterschiedlichen Universit\u00e4ten in Bonn und K\u00f6ln ihr Muttersprache Malayalam unterrichtet. 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