{"id":498,"date":"2020-11-01T16:14:09","date_gmt":"2020-11-01T15:14:09","guid":{"rendered":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=498"},"modified":"2021-03-22T21:54:11","modified_gmt":"2021-03-22T20:54:11","slug":"mitten-im-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=498","title":{"rendered":"Mitten im Westen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Gergana Ghanbarian-Baleva<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bonn am Rhein, davon h\u00f6rte ich zum ersten Mal in der dritten Klasse, als ein neue Sch\u00fclerin zu uns in die Klasse kam, sie hie\u00df Antonia. Ihre Eltern hatten bis dahin als Diplomaten an der bulgarischen Botschaft in Westdeutschland gearbeitet. In der Hauptstadt Bonn. Diese Informationen verwirrten mich sehr, denn ich kannte bis dahin nur eine deutsche Hauptstadt, Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kam selbst vor drei Jahren mit meinen Eltern aus Potsdam zur\u00fcck nach Sofia. Der wesentliche Unterschied zu Antonias Eltern war der, dass nur meine Mutter in Deutschland arbeitete und zwar in einer Apfelsaftfabrik. Ich wusste, dass es eine DDR und eine schrecklich, b\u00f6sen BRD gab. Mehr aber auch nicht. Ach ja, auch von der Mauer wusste ich. Und nur weil wir donnerstags zur bulgarischen Schule nach Berlin fuhren, und die S-Bahn irgendwann vor der Mauer hielt, weiter gings nicht. Von dort aus sah ich die vergoldete Statue an der Spitze der Siegess\u00e4ule, und sie schien mir unerreichbar. Aber von Bonn am Rhein hatte ich noch nie etwas geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Antonia brachte regelm\u00e4\u00dfig Werbeprospekte, vor allem von Einrichtungsh\u00e4usern und Otto-Kataloge mit in den langweiligen Unterricht. &nbsp;Sie erz\u00e4hlte uns wie sch\u00f6n Bonn war und wie toll die Br\u00fccken \u00fcber den Rhein gewesen seien und veranschaulichte den Rest anhand der Katalog- und Prospektbildern.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Berlin-wall-jacques-bopp-unsplash-685x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-500\" width=\"467\" height=\"698\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Berlin-wall-jacques-bopp-unsplash-685x1024.jpg 685w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Berlin-wall-jacques-bopp-unsplash-201x300.jpg 201w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Berlin-wall-jacques-bopp-unsplash-768x1147.jpg 768w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Berlin-wall-jacques-bopp-unsplash-1028x1536.jpg 1028w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Berlin-wall-jacques-bopp-unsplash-1371x2048.jpg 1371w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Berlin-wall-jacques-bopp-unsplash-1200x1793.jpg 1200w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Berlin-wall-jacques-bopp-unsplash-scaled.jpg 1714w\" sizes=\"auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px\" \/><figcaption>Berlin-wall-jacques-bopp-unsplash<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Bonn schien mir ein paradiesischer Ort zu sein. Und er kam mir genau so gl\u00e4nzend, edel, unerreichbar und anziehend wie die Siegess\u00e4ule vor. Diese andere, unbekannte deutsche Hauptstadt bestand in meinen Vorstellungen aus teure Ledersitzgarnituren, \u00fcppige Vorh\u00e4nge, bunte Teppiche, hochmoderne Einbauk\u00fcchen, Levis-Jeans, Haushaltskittel, wohlriechende Kosmetika, Nivea Creme und sch\u00f6ne, gesunde, wohlern\u00e4hrte, gl\u00fcckliche Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Antonia war die Verk\u00f6rperung dieser Stadt und das Lebens am Rhein. Mit ihrer adretten, viel zu hellen, westlichen Kleidung im Vergleich zu unseren dunkelblauen, m\u00fcffelnden Uniformen und den pr\u00e4zisen Haarschnitt ihrer blonden, glatten Haaren, unterschied sie sich auffallend von der gesamten 1b.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sind seit meiner Grundschulzeit mehrere Jahre vergangen. Wo Antonia heute leben mag, wei\u00df ich nicht. Aber mich hat der Zufall ausgerechnet nach Bonn verschlagen, mitten im Westen. Sogar vor der bulgarischen Botschaft stand ich einmal und dachte \u201eMensch, das kann doch nicht wahr sein, hier also lebte Antonia damals mit ihren Eltern!\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist erstaunlich was ich so sonst au\u00dfer wohlern\u00e4hrte auf Ausflugsschiffe konsumierenden Menschen entlang des Rheins noch entdeckt habe. Zum Beispiel sah ich vor kurzem auf einigen schwarz wei\u00df Fotografien in einer Ausstellung \u00fcber den Rhein, dass es Nazi-Massenkundgebungen am Bonner Rheinufer im Jahr 1933 gab. Nur Menschenh\u00e4nde zum Hitlergru\u00df erhoben und Wasser, sonst nichts zu sehen. Auch Hochwasser, das wenig gl\u00e4nzend und freudig f\u00fcr die Bewohner in Bonn war gab es.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu gesellen sich riesige Handelsschiffe, die Kohle in Richtung Rotterdam transportieren. Herden japanischer Touristen, die die betrunkenen morgens beim Rosenmontagszug bestaunten und mit ihren Kameras festhalten. H\u00e4ssliche H\u00e4user und Hotels, wie das Continental am Hauptbahnhof und Bertha-von-Suttner-Platz gibt es hier. Und Bettler am Stra\u00dfenrand mir erstaunlich gut gepflegten Hunden sind anzutreffen. Heute mittendrin in dieser Utopie aus meiner Kindheit angekommen, vermischen sich Bilder aus Werbebrosch\u00fcren und Kataloge, die meine Tochter als <em>M\u00fcll<\/em> bezeichnet und direkt in der Papiertonne wirft, ohne auch einen, einzigen Blick darauf geworfen zu haben, mit der Realit\u00e4t und den sumpfigen Geruch, den ich entlang der Rheinpromenade einatme und werden zu Heimat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gergana Ghanbarian-Baleva Bonn am Rhein, davon h\u00f6rte ich zum ersten Mal in der dritten Klasse, als ein neue Sch\u00fclerin zu uns in die Klasse kam, sie hie\u00df Antonia. Ihre Eltern hatten bis dahin als Diplomaten an der bulgarischen Botschaft in Westdeutschland gearbeitet. In der Hauptstadt Bonn. 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