{"id":375,"date":"2020-07-08T23:46:59","date_gmt":"2020-07-08T21:46:59","guid":{"rendered":"http:\/\/diegrenze.org\/?p=375"},"modified":"2020-07-20T22:52:36","modified_gmt":"2020-07-20T20:52:36","slug":"man-versteht-ein-land-uber-die-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=375","title":{"rendered":"Man versteht ein Land \u00fcber die Sprache"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit fast vier Jahrzehnten lebt der aus Bangladesch stammende K\u00fcnstler Maruf Ahmed in Deutschland.&nbsp; Rund 30 Jahre war er bei dem deutschen Auslandssender Deutsche Welle journalistisch t\u00e4tig. Als Deutscher vertrat Maruf Ahmed die Stadt Bonn als K\u00fcnstler bei einer Ausstellung in Chengdu\/China. Maruf Ahmed berichtet unserem Magazin \u00fcber seine Erfahrung in Deutschland als K\u00fcnstler sowie Einwanderer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze<\/strong>: Wie bezeichnen Sie sich selbst? Als K\u00fcnstler, ehemaliger Schauspieler der bengalischen Filmindustrie oder Journalist?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maruf Ahmed<\/strong>: Ich habe eigentlich viel gemacht, aber letztendlich bin ich ein K\u00fcnstler. Mein Vater war ein bengalischer Schauspieler und er nahm mich zum Radio mit als ich f\u00fcnf Jahre alt war. Er lie\u00df mich am Art College studieren. Das war noch vor der Unabh\u00e4ngigkeit Bangladeschs. Damals war es nicht so einfach Kunst zu studieren. Manche dachten, dass Kunst kein Beruf sein konnte. Aber mein Vater hat mich unterst\u00fctzt. Inzwischen begann die Freiheitsbewegung im damaligen Ost Pakistan (heutiges Bangladesch) und ich habe auch daran teilgenommen. Das hei\u00dft aber nicht, dass jeder von uns mit Waffen k\u00e4mpfte. Viele sind in Bangladesch geblieben und haben auf vielf\u00e4ltige Weise die Freiheitsbewegung unterst\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Photo-3-\u00a9DieGrenze-1-min.jpg\" alt=\"Kunstwerk vom Maruf Ahmed\" class=\"wp-image-377\" width=\"768\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Photo-3-\u00a9DieGrenze-1-min.jpg 1024w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Photo-3-\u00a9DieGrenze-1-min-300x225.jpg 300w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Photo-3-\u00a9DieGrenze-1-min-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Foto: Die Grenze<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nach der Unabh\u00e4ngigkeit war ich einer der Hauptdarsteller im Film ,,Abar Tora Manusch Ho\u2019\u2019, der bei den Filmfestspielen in Ostberlin eine Auszeichnung erhielt. Nach dem Studium arbeitete ich bei der British High Commission als Dolmetscher. Daneben habe ich auch damals als Nachrichtensprecher gearbeitet und dadurch hatte ich Kontakten mit deutschen Journalisten. W\u00e4hrend des Unabh\u00e4ngigkeitskrieges 1971 und danach waren Journalisten aus aller Welt in Dhaka. Ich arbeitete z.B. mit Anselm Heyer, Korrespondent des ZDF f\u00fcr das Auslandsjournal. Diese Journalisten hatten einen Verein f\u00fcr internationale Autoren und sie boten einmal ein Stipendium nur f\u00fcr K\u00fcnstler an. Mit diesem Stipendium kam ich nach Deutschland. Ich erhielt ein weiteres Stipendium vom DAAD (Deutscher Akademischer Austausch-Dienst). Ich absolvierte ein zweites Kunststudium in K\u00f6ln, das ich mit Laudatio abschloss und promovierte zum Meistersch\u00fcler. W\u00e4hrend meines Studiums wuchs meine Leidenschaft f\u00fcr Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze<\/strong>: Erz\u00e4hlen Sie bitte von Ihren Ausstellungen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maruf Ahmed<\/strong>: Als ich in Deutschland studierte, habe ich einige Kunstwerke verkauft. Damit verdiente ich neben meinem Stipendium extra Geld. Damals war der Beruf K\u00fcnstler in Bangladesch nicht anerkannt. Es z\u00e4hlte mehr, wenn man F\u00e4cher wie Medizin oder Maschinenbau studiert hatte. Ich habe dar\u00fcber viel nachgedacht. Ich wollte hier in Deutschland eine Karriere als K\u00fcnstler machen. Ich kontaktierte damalige deutsche Kunstvereine und sie nahmen mich als Mitglied auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine erste Ausstellung fand in der historischen Stadthalle in Erbach\/Odenwald statt. Danach hatte ich eine Ausstellung bei Bayer Leverkusen, wo auch die Grafikarbeit von Picasso ausgestellt wurde. Nach dieser Ausstellung wurde ich mehr anerkannt. Ich hatte eine Ausstellung im Baukunst Museum. Das ist ein ber\u00fchmtes Museum im Nachkriegs-Deutschland. Mit meiner Malerei habe ich auch an verschiedenen Ausstellungen in Frankreich und Gro\u00df Britannien teilgenommen. Aber ich glaube meine gr\u00f6\u00dfte Ehre war, als die Stadt Bonn mich als Kunstvertreter in die Partnerstadt Chengdu in China sendete.<\/p>\n\n\n\n<!--nextpage-->\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze<\/strong>: Wie verstehen Sie Integration als ein Zuwanderer?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maruf Ahmed<\/strong>: Dieses Thema finde ich sehr interessant. Ohne Integration kann man kein Land und seine Menschen kennenlernen. Es gibt manche Migranten, die die Interaktion mit der deutschen Gesellschaft vermeiden m\u00f6chte. Das finde ich nicht gut. Mein Vater sagte einmal: \u201eWenn du in Rom bist, dann bist du ein R\u00f6mer\u201c. Somit bin ich nicht nur durch meinen deutschen Pass bereits seit langem Deutscher. Integration ist wichtig. Ein Zuwanderer sammelt gute und schlechte Erfahrung, und das passiert in allen L\u00e4ndern. Von meiner Erfahrung kann ich so sagen, dass ich hier akzeptiert wurde. Ich kam nach Deutschland 1976. Viele Menschen waren hier neugierig und sie wollten von mir wissen, wie wir so ein gro\u00dfartiges Ereignis wie unsere Unabh\u00e4ngigkeit schaffen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich glaube, Integration ist auch ein politisches Thema. Es ist Fakt, dass in Deutschland Organisationen wie PEGIDA existieren. Aber alle L\u00e4nder haben solche Probleme mit Rassismus, nicht nur Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze<\/strong>: Wie k\u00f6nnen die bengalischen Migranten auf die deutsche Gesellschaft positiv einwirken?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maruf Ahmed<\/strong>: Ich glaube bengalische Migranten sind sehr talentiert und ambitioniert. Aber das Problem ist, sie bleiben nur innerhalb ihrer Gemeinschaft. Trotzdem haben sie aber in vielen F\u00e4llen einen Beitrag hier geleistet. Viele Bangladescher studieren hier oder promovieren oder arbeiten im Forschungsbereich. Wir m\u00fcssen ihre Mitwirkung anerkennen. Aber wie bei allem, gibt es auch hierbei positive wie negative Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze<\/strong>: Was f\u00fcr Probleme gibt es bei der Integration? Geht es um Sprache oder etwas anders?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maruf Ahmed<\/strong>: In manchen F\u00e4llen sind die Sprachkenntnisse ein Problem. Ohne Sprache kann man keine Menschen und das Land kennenlernen. Nach der Unabh\u00e4ngigkeit in Bangladesch hatte ich einen niederl\u00e4ndischen Botschafter gesehen, der auf Bengalisch sprechen konnte. Ich f\u00fchlte mich sehr wohl zu sehen, dass eine ausl\u00e4ndische Person meine Muttersprache sprach. Er konnte \u00fcberall hingehen und alles fragen, aber seine Kollegen nicht. Das Gleiche gilt auch hier. Wenn ich hier lebe, darf ich die Sprache nicht ignorieren.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Photo-2-\u00a9DieGrenze-1-min.jpg\" alt=\"Kunstwerk vom Maruf Ahmed\" class=\"wp-image-376\" width=\"768\" height=\"576\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Photo-2-\u00a9DieGrenze-1-min.jpg 1024w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Photo-2-\u00a9DieGrenze-1-min-300x225.jpg 300w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Photo-2-\u00a9DieGrenze-1-min-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption>Foto: Die Grenze<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze<\/strong>: Wie kann die n\u00e4chste bengalische Generation in Deutschland die Kultur ihres urspr\u00fcnglichen Landes kennenlernen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maruf Ahmed<\/strong>: Meine Frau ist Deutsche, aber ich versuche ab und zu mit meinen Kindern auf Bengalisch zu sprechen. Die Kinder der bengalischen Migranten gehen hier in die Schule, sie f\u00fchren ihr Studium und die Interaktion mit anderen Menschen in der Schule und drau\u00dfen auf Deutsch durch. Sie werden in einer andersartigen Kultur erzogen. Sie sollen nicht gezwungen werden ihre Elternkultur zu adoptieren. Die Eltern m\u00fcssen mit den Kindern dar\u00fcber sprechen. Auf der anderen Seite gibt es auch manche Zuwanderer, die sich immer in ihrer Herkunftskultur bewegen. Ihre Kinder werden hier aufwachsen, aber alle ihre Aktivit\u00e4ten finden nur in ihrer bengalischen Umgebung statt. Ich glaube, es ist ein Gewinn sich in beiden Kulturen zu bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Grenze<\/strong>: Haben Sie bis jetzt Erfahrungen mit Rassismus?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Maruf Ahmed<\/strong>: Nein, ich habe keine solche Erfahrung gehabt. Aber nach der Wiedervereinigung hatte ich Schwierigkeiten im ehemaligen Ostdeutschland.&nbsp; Die Menschen dort hatten ein eingesperrtes Leben, deshalb wurden sie auch durch Vorurteile \u00fcber andere L\u00e4nder beeinflusst. F\u00fcr sie sind Migranten immer noch sehr fremd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit fast vier Jahrzehnten lebt der aus Bangladesch stammende K\u00fcnstler Maruf Ahmed in Deutschland.&nbsp; Rund 30 Jahre war er bei dem deutschen Auslandssender Deutsche Welle journalistisch t\u00e4tig. Als Deutscher vertrat Maruf Ahmed die Stadt Bonn als K\u00fcnstler bei einer Ausstellung in Chengdu\/China. 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