{"id":1018,"date":"2025-12-21T09:00:23","date_gmt":"2025-12-21T08:00:23","guid":{"rendered":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=1018"},"modified":"2025-12-21T09:00:31","modified_gmt":"2025-12-21T08:00:31","slug":"zwangsverschwinden-in-bangladesch-die-dunkelziffer-ist-enorm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=1018","title":{"rendered":"Zwangsverschwinden in Bangladesch: Die Dunkelziffer ist enorm"},"content":{"rendered":"\n<p>In Bangladesch wurde eine Untersuchungskommission zu den Tausenden F\u00e4llen von Zwangsverschwinden (\u201eGum\u201c) gegr\u00fcndet, die sich unter der vorherigen faschistischen Regierung ereignet haben. Ihre Untersuchungen brachten schreckliche Vorf\u00e4lle ans Licht. In Zeugenaussagen finden sich grauenhafte Details dar\u00fcber, wie Hunderte Menschen tagelang ohne Gerichtsverfahren festgehalten und nach brutaler Folter get\u00f6tet wurden. Nur Khan, ein bekannter Menschenrechtler aus Bangladesch und Mitglied dieser Kommission, berichtet im Interview \u00fcber die Politik des Zwangsverschwindenlassens w\u00e4hrend der \u00c4ra von Sheikh Hasina.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Viele Vorw\u00fcrfe sind noch offen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zwangsverschwindenlassen ist in Bangladesch ein Ph\u00e4nomen, das seit der Unabh\u00e4ngigkeit existiert. Nur Khan ist jedoch der Meinung, dass die Zahl der F\u00e4lle zwischen 2009 und 2024 ein abnormales Niveau erreicht hat. Er sagt: \u201eDie Kommission hat bisher etwa 1.800 Beschwerden erhalten. Die Zahl der Menschen, die keine Anzeige erstattet haben, ist jedoch weitaus h\u00f6her. Einige Opfer von Zwangsverschwinden haben uns beispielsweise erz\u00e4hlt, dass sie in Haft andere Betroffene gesehen haben. Von diesen Personen haben wir jedoch keine Beschwerden erhalten. Die tats\u00e4chliche Zahl der Vorf\u00e4lle ist also viel h\u00f6her als die Zahl der eingegangenen Beschwerden. \u201cAuf die Frage, wer in diese Vorf\u00e4lle verwickelt war, antwortet er: \u201eUnsere Ermittlungen haben ergeben, dass staatliche Entscheidungstr\u00e4ger daran beteiligt waren. Viele Vorf\u00e4lle geschahen auf Anweisung der politischen F\u00fchrung, in vielen F\u00e4llen handelten die Sicherheitskr\u00e4fte aber auch aus eigenem Motiv. Sogar viele Angeh\u00f6rige der Sicherheitskr\u00e4fte agierten als Auftragsm\u00f6rder. Die Kultur des Verschwindenlassens hatte ein solches Ausma\u00df erreicht, dass die gesamte interne Struktur der Sicherheitskr\u00e4fte zerst\u00f6rt worden war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Fall Hafez Zakir<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl Mitglieder der Sicherheitskr\u00e4fte an diesen Verbrechen beteiligt waren, haben viele nur widerwillig teilgenommen. Einige von ihnen haben der Untersuchungskommission sp\u00e4ter Details solcher Vorf\u00e4lle geschildert. Dabei kam auch der Fall von Hafez Zakir zur Sprache. Zakir, ein Aktivist der Studentenorganisation Shibir, wurde aus einer WG in Mohammadpur, Dhaka, verschleppt. Bei solchen Entf\u00fchrungen werden den Opfern normalerweise Kopf und Augen bedeckt. Nur Khan berichtet: \u201eEin an der Entf\u00fchrung Hafez Zakirs beteiligtes Mitglied legte sp\u00e4ter bei uns ein Gest\u00e4ndnis ab. Es handelte sich um einen Armeeoffizier. Zakir wurde sp\u00e4t in der Nacht entf\u00fchrt. Zum Gebetszeitpunkt des Fajr sagte er: &#8216;Ich bin ein Hafiz (Koranauswendiglerner), lasst mich beten.&#8217; Diese Worte Zakirs bewegten den Offizier zutiefst. Einige Tage sp\u00e4ter wurde Zakir aus seiner Gewahrsam entfernt. In jener Nacht \u00fcbergab man dem Offizier Zakirs Handschellen und andere Gegenst\u00e4nde. Das bedeutete, dass Zakir hingerichtet worden war. Bis heute ist Zakir nicht aufgetaucht. Nach der Massenprotestbewegung im Juli legte der Offizier bei uns ein Gest\u00e4ndnis ab und unterst\u00fctzte die Ermittlungen auf verschiedene Weise. Mithilfe dieses in das Zwangsverschwinden verwickelten Armeeoffiziers konnten wir sp\u00e4ter Zakirs letzten Aufenthaltsort ausfindig machen.\u201c<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\">\n<figure class=\"alignright size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"413\" height=\"531\" src=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Nur-Khan-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1011\" style=\"width:240px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Nur-Khan-1.jpeg 413w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Nur-Khan-1-233x300.jpeg 233w\" sizes=\"auto, (max-width: 413px) 100vw, 413px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">                      <strong>\u00a9<\/strong>Nur Khan<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p><strong>Brutale Folter<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von denjenigen, die aus der Gefangenschaft nach einem Zwangsverschwinden zur\u00fcckgekehrt sind, gibt es herzzerrei\u00dfende Berichte. In diesen Geheimgef\u00e4ngnissen wurden schreckliche Folterungen an M\u00e4nnern und Frauen ver\u00fcbt. Beide Geschlechter wurden unter dem Vorwand der Befragung misshandelt. Nur Khan berichtet, dass Gefangene an den Armen aufgeh\u00e4ngt und ihnen die N\u00e4gel ausgerissen wurden. Einige wurden auf Elektrost\u00fchle gesetzt und mit Stromst\u00f6\u00dfen gequ\u00e4lt. Andere wurden der ber\u00fcchtigten Foltermethode Waterboarding unterzogen. Zudem wurden viele M\u00e4nner entkleidet und vor Frauen gedem\u00fctigt. Viele erhielten Elektroschocks. Einige wurden gezwungen, in einen mit Wasser gef\u00fcllten Beh\u00e4lter zu urinieren, der unter Strom stand. Sobald sie urinierten, erhielten sie einen Stromschlag. Infolge solcher Folterungen verloren viele Gefangene ihr psychisches Gleichgewicht. Die Untersuchungskommission konnte einige dieser Personen sp\u00e4ter identifizieren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie Gefangene get\u00f6tet wurden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nur Khan berichtet, dass Mitglieder der Sicherheitskr\u00e4fte diese Taten in Zivilkleidung ver\u00fcbten. Zun\u00e4chst verschleppten sie jemanden und hielten ihn fest. Wenn sie nach einer Befragung beschlossen, die Person zu erledigen, brachten sie das Opfer in einem Mikrobus zu Orten wie der Tongi-Br\u00fccke oder dem Bhairab-Bazar au\u00dferhalb Dhakas. Dort erschossen sie die Opfer unter der Br\u00fccke und warfen sie in den Fluss. Manche wurden vor fahrende Z\u00fcge oder Busse gesto\u00dfen, um den Anschein eines Unfalls zu erwecken. Weiter berichtet Nur Khan, dass aus Aussagen von Augenzeugen hervorgeht, dass Gefangene mit Booten an verschiedene Orte au\u00dferhalb Dhakas wie Fatullah, Khulna und Barishal gebracht wurden. Dort wurden sie get\u00f6tet und ihre Leichen \u2013 mit Zements\u00e4cken beschwert \u2013 in Fl\u00fcsse geworfen. Nur Khan sagt: \u201eIch bin derzeit in Munshiganj, wo im Jahr 2011 viele unbekannte Leichen gefunden wurden. Bei der Obduktion stellte man bei allen Einschusswunden an der Stirn fest. Ihre H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe waren gefesselt, manche Leichen waren an Zements\u00e4cke gebunden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Internationale Hilfe n\u00f6tig<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Untersuchung der tausenden F\u00e4lle von Zwangsverschwinden, Folter und Mord aus der Zeit der vorherigen faschistischen Regierung st\u00f6\u00dft die Kommission auf gro\u00dfe Schwierigkeiten. Insbesondere bei der Aufkl\u00e4rung l\u00e4ngst zur\u00fcckliegender Vorf\u00e4lle m\u00fcssen Leichen untersucht werden. Nur Khan sagt dazu: \u201eDie forensische Untersuchung so alter Leichen ist eine gro\u00dfe Herausforderung. Die hierf\u00fcr notwendige technische Ausstattung steht uns nicht zur Verf\u00fcgung. Hierf\u00fcr brauchen wir internationale Unterst\u00fctzung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Rolle der Regierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Frage, welche Unterst\u00fctzung sie von Seiten der derzeitigen Interimsregierung f\u00fcr diese Untersuchungen erhalten, antwortet Nur Khan: \u201eVon der Interimsregierung haben wir die erwartete Zusammenarbeit erhalten. Vom Milit\u00e4rgeheimdienst DGFI erhalten wir zwar Unterst\u00fctzung, doch sie entspricht nicht unseren Erwartungen. Wir m\u00fcssen jedoch auch bedenken, dass viele der an diesen Verbrechen Beteiligten noch immer in verschiedenen Sicherheitskr\u00e4ften eingesetzt sind. Daher kann man von ihnen auch keine vollst\u00e4ndige Zusammenarbeit erwarten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Menschenrechtsaktivist \u00e4u\u00dfert Zweifel, dass eine zuk\u00fcnftige politische Regierung diese Prozesse vorantreiben wird. Seiner Meinung nach sollten zumindest einige Personen zur Rechenschaft gezogen werden, auch wenn nicht alle F\u00e4lle vor Gericht kommen. Sollte die Regierung unt\u00e4tig bleiben, m\u00fcsse der Fall dem Internationalen Strafgerichtshof (ICC) vorgelegt werden. Khan sagt: \u201eWelche Partei auch immer in Zukunft an die Macht kommt, sie kann in dieser Angelegenheit keine Kompromisse eingehen. Andernfalls wird die Bev\u00f6lkerung Bangladeschs sie ebenfalls als Mitschuldige betrachten.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bangladesch wurde eine Untersuchungskommission zu den Tausenden F\u00e4llen von Zwangsverschwinden (\u201eGum\u201c) gegr\u00fcndet, die sich unter der vorherigen faschistischen Regierung ereignet haben. Ihre Untersuchungen brachten schreckliche Vorf\u00e4lle ans Licht. 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