{"id":1001,"date":"2025-10-05T12:25:08","date_gmt":"2025-10-05T10:25:08","guid":{"rendered":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=1001"},"modified":"2025-10-05T12:25:13","modified_gmt":"2025-10-05T10:25:13","slug":"julirevolution-attest-einer-schwester-aus-tausend-kilometer-ferne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/diegrenze.org\/?p=1001","title":{"rendered":"Julirevolution: Attest einer Schwester aus tausend Kilometer Ferne"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading has-text-align-center\"><br><strong>Tamanna Yasmin<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p>Als im Juli des letztem Jahres die von Studierenden angef\u00fchrte Massenbewegung in Bangladesch ausbrach, befand ich mich in Frankfurt, etwa achttausend Kilometer von meinem Land entfernt. Obwohl ich physisch weit weg war, war ich in Gedanken jeden Moment bei Bangladesch. Die Bewegung, die mit einer Quotenreform begann, entwickelte sich schnell zu einer Revolte gegen das seit langem bestehende faschistische Regime.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages im Juli, w\u00e4hrend der Semesterferien, war mein j\u00fcngerer Bruder aus Savar auf dem Weg nach Hause. W\u00e4hrend eines Telefonats fragte ich ihn, warum es um ihn herum so laut war. Er antwortete, dass die \u00e4lteren Br\u00fcder von der Universit\u00e4t Dhaka gegen die Quotenpolitik demonstrierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag telefonierte ich erneut mit ihm. Die Situation schien zun\u00e4chst normal, aber sie verschlechterte sich kontinuierlich wegen der Unterdr\u00fcckung durch die letzte faschistische Regierung. Seit 2016 lebe ich in Deutschland, weit weg von meiner Familie. Die Instabilit\u00e4t in meiner Heimat hatte erhebliche Auswirkungen auf meine psychische Gesundheit. Ich war nicht in der Lage, mich auf die Arbeit zu fokussieren.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"576\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Photo-1-576x1024.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-994\" srcset=\"https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Photo-1-576x1024.webp 576w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Photo-1-169x300.webp 169w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Photo-1-768x1365.webp 768w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Photo-1-864x1536.webp 864w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Photo-1-1152x2048.webp 1152w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Photo-1-1200x2133.webp 1200w, https:\/\/diegrenze.org\/wp-content\/uploads\/2025\/10\/Photo-1.webp 1440w\" sizes=\"auto, (max-width: 576px) 100vw, 576px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">\u00a9TY<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Ich erfuhr am 17. Juli, dass mein Bruder und seine Freunde von ihren Universit\u00e4ten aus an dem Protest teilnehmen w\u00fcrden. Meine Eltern waren sehr besorgt. Sie riefen mich wiederholt an und baten mich, meinen Bruder davon zu \u00fcberzeugen, zu Hause zu bleiben. Aber mein Gewissen war damit nicht einverstanden, also sagte ich zu meinem Bruder: \u201eSei heute vorsichtig, wie jeden Tag.\u201c Wie h\u00e4tte ich ihm sagen k\u00f6nnen, er solle nicht gehen? Wenn am Tag zuvor, dem 16. Juli, Abu Sayeed in Rangpur von der Polizei \u00f6ffentlich erschossen wurde?<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Um 4 Uhr morgens rief ich meine Mutter an \u2013 mein Bruder schlief noch und sie sa\u00df neben ihm und behielt ihn im Auge. Erleichtert ging ich sp\u00e4ter ins Bett. Kurz danach, es war etwa 6:15 Uhr, klingelte das Telefon wieder. Meine Mutter sagte, dass mein Bruder nicht zu sehen sei. Er hatte das Haus verlassen, ohne jemandem etwas zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich rief ihn mindestens hundertmal auf seinem Handy an. Die Nachricht von Sayeed&#8217;s Tod und die gewaltigen Proteste danach gingen mir nicht mehr aus dem Kopf. Bis zum 5. August konnte ich nicht richtig essen oder schlafen. Ich wurde von unbekannten \u00c4ngsten gesch\u00fcttelt. Anfangs kontaktierte mich mein Bruder \u00fcber Messenger und schrieb, dass es ihm gut gehe. Sp\u00e4ter, nachdem das Internet landesweit abgeschaltet wurde, schickte er nur noch Textnachrichten von seinem Handy. In dieser Nacht blieb er mit Freunden drau\u00dfen, um sich in Sicherheit zu befinden. Aufgrund von Internet-Jammer im ganzen Land war die Kommunikation fast unterbrochen. Schlie\u00dflich bekam ich mit, dass er am n\u00e4chsten Morgen sicher nach Hause zur\u00fcckgekehrt war. In den n\u00e4chsten Tagen gingen mein Bruder und seine Freunde regelm\u00e4\u00dfig zu der Demonstartion. Davor l\u00f6schten sie jedes Mal alle Nachrichten auf ihren Mobiltelefonen, damit sie nicht in die F\u00e4nge der Sicherheitskr\u00e4fte gerieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Distanz war schwer zu ertragen. Eines Tages im Juli sagte ich meiner Mutter, dass ich nach Bangladesch zur\u00fcckkehren wolle, um meinem Bruder beizustehen. Als meine Mutter das h\u00f6rte, begann sie am Telefon zu weinen und sagte: \u201eIch habe jeden Tag Angst, wenn ich an deinen Bruder denke. Wie soll ich die Sorgen um meine beiden Kinder tragen, wenn du dazukommst?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Tag scrollte ich durch das Fernsehen, Facebook, internationale Websites und Blogs, um noch glaubw\u00fcrdige Nachrichten zu finden. Ich kochte und a\u00df nur, wenn ich sicher war, dass mein kleiner Bruder zu Hause war, schlief oder zumindest noch lebte. Ich nahm an den von der bangladeschischen Gemeinde in Bonn und Frankfurt organisierten Protesten teil. Dort fand ich viele Mitstreiter \u2013 gemeinsam erhoben wir unsere Stimme f\u00fcr unsere Heimat.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich kam der 5. August \u2013 der Tag, an dem die faschistische Premierministerin aus dem Land fliehen musste. In der Nacht zuvor war der \u201eLange Marsch nach Dhaka\u201d angek\u00fcndigt worden und die Regierung verh\u00e4ngte sofort eine Ausgangssperre. Ich scrollte bis halb f\u00fcnf Uhr morgens, um nach Neuigkeiten zu suchen, fand aber nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Viertel nach f\u00fcnf Uhr morgens tauchten in den sozialen Medien die erste Videos auf: Studenten, Eltern und Millionen weitere Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft marschierten nach Dhaka. Ich kann dieses Gef\u00fchl nicht in Worte fassen. Es f\u00fchlte sich an, als w\u00fcrde ich selbst durch die Stra\u00dfen von Dhaka gehen, Schulter an Schulter mit meinen Br\u00fcdern und Schwestern.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch diejenigen von uns, die im Ausland leben \u2013 vielleicht, um ein besseres Leben zu finden, aus Sicherheitsgr\u00fcnden oder um die Zukunft ihrer Familien und Verwandten zu sichern \u2013 haben nicht weniger Platz f\u00fcr Patriotismus in ihren Herzen. Die Tage der Julirevolution waren auch f\u00fcr uns ein Krieg voller Leid, Angst und Hilflosigkeit. Selbst wenn wir uns in einem fernen Land befinden, werden wir von jeder Nachricht ersch\u00fcttert und jeder Tod l\u00f6st in uns Blutungen aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube aber immer noch daran, dass die neue Generation Bangladeschs \u2013 Menschen wie wir, die im ganzen Land und im Ausland verteilt sind \u2013 mit Respekt, Moral, Ehrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und Mut gegen Ungerechtigkeit zusammenstehen und ein neues, gerechtes Bangladesch aufbauen kann. So wird Bangladesch eines Tages ein stolzes Beispiel f\u00fcr die ganze Welt sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tamanna Yasmin Als im Juli des letztem Jahres die von Studierenden angef\u00fchrte Massenbewegung in Bangladesch ausbrach, befand ich mich in Frankfurt, etwa achttausend Kilometer von meinem Land entfernt. Obwohl ich physisch weit weg war, war ich in Gedanken jeden Moment bei Bangladesch. 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